RV-Gemeinschaft

Politik und Gesellschaft

Die verlorene Ehre des Clemens Tönnies

Rassismus und Ausbeutung sind ehrlos

Clemens Tönnies, seines Zeichens Aufsichtsratschef von Schalke 04, gibt sich zerknirscht und legt qua eigener Befugnis eine dreimonatige Pause ein. Das geht einigen Zeitungen nicht weit genug, denn „es geht um Rassismus und die verlorene Ehre”, wie es SPIEGEL Online stellvertretend für viele andere Medien postuliert. Sogar die BILD spricht von einem “fatalen Signal”. Lesen Sie den redaktionell geänderten Beitrag von Jens Berger, den NachDenkSeiten entnommen.

Ist das so richtig?. Wo haben die hochmoralischen Verteidiger von Anstand und Moral eigentlich bislang ihren Tiefschlaf verbracht? Immerhin ist der Schlachthof-Milliardär Tönnies geradezu das Abziehbild eines ehrlosen Ausbeuters, der tausende osteuropäische Wanderarbeiter in seinen Billigfleischfabriken schuften lässt und die Allgemeinheit mit illegalen Preisabsprachen und Steuerhinterziehung mit Cum-Ex-Geschäften betrügt. Wäre Tönnies etwa ein moralisches Vorbild, wenn ihm der dumme rassistische Witz nicht herausgerutscht wäre? Profifußball und Ehre … das passt schon lange nicht mehr zusammen.

Bild: Leitorgan des Alltagsrassismus

Steuererhöhungen im Kampf gegen den Klimawandel lehnt Milliardär Tönnies ab. Stattdessen solle man lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren, wie er sein johlendes Publikum beim Tag des Handwerks in Paderborn wissen ließ. Und dann polterte der Festredner den Satz raus, der den pikierten Moralinstanzen von BILD und Springer quer im Halse stecken blieb: “Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn´s dunkel ist, Kinder zu produzieren”, so Tönnies. Dass der Schwarze den lieben langen Tag nur “schnackselt”, weiß der Stammtisch ja schon von der katholischen Moralikone Gloria von Thurn und Taxis. Ist der Spruch rassistisch? Bis auf den – Trommelwirbel – „Ehrenrat“ von Schalke 04 sehen das eigentlich alle Beobachter so. Vor allem ist der Spruch aber dumm. Eine andere Frage ist jedoch, ob diese Dummheit die hochmoralische Empörung der Medien rechtfertigt. Immerhin mutet es schon seltsam an, wenn sich ausgerechnet die BILD als Leitorgan des Alltagsrassismus über einen dummen rassistischen Schenkelklopfer aufregt, der so auch 1:1 auf der eigenen Titelseite stehen könnte. Und wenn der SPIEGEL sich Sorgen über die “verlorene Ehre” eines gnadenlos durchkommerzialisierten Fußballkonzerns macht, schließt sich der Kreis der Heuchler.

Steuerhinterziehung

Aber spielen wir das Spiel von BILD, SPIEGEL und Co. doch ruhig mal mit. Wenn Schalke erst jetzt durch Tönnies Ausflug in die Gedankenwelt eines reichen weißen Großwildjägers in seiner “Ehre” bedroht ist, heißt dies ja im Umkehrschluss, dass vorher alles paletti war. Dann war es auch mit der Ehre von Schalke und der Ehre des Fußballs zu vereinbaren, dass Clemens Tönnies mit Cum-Ex-Geschäften Steuern hinterzogen hat. Vor allem im armen Gelsenkirchen, das dringend auf Steuergelder angewiesen ist, sollte dies ja eigentlich keine Petitesse sein, die sich Männer von hoher Moral und noch höherem Kontostand schon mal leisten können. Doch die Fußball-Welt tickt da anders. Ikonen wie Messi und Ronaldo haben die Allgemeinheit um Millionen betrogen und gelten dennoch als Vorbilder für unsere Jugend. Ein anderer Fußballgrande mit Wurstfabrikantenhintergrund saß sogar im Knast und wurde flugs von Medien und Fans rehabilitiert, um, frisch aus der JVA entlassen, wieder zur moralischen Instanz Fußballdeutschlands hochgefeiert zu werden. Die Fußballwelt tickt nicht nur anders – sie ist ein Musterbeispiel für Heuchelei und Doppelmoral.

Preisabsprachen

Clemens Tönnies Vermögen wird derweil auf 1,1 Milliarden Euro geschätzt. Ein fleißiger Unternehmer, der Herr Tönnies. Teile seines Vermögens sind übrigens die Beute aus unerlaubten Preisabsprachen. Die sind zwar illegal und das Bundeskartellamt verurteilte Tönnies auch zu einem sportlichen Bußgeld von 128 Millionen Euro. Doch dessen Anwälte fanden eine Gesetzeslücke. Man löschte die verurteilten Tochterfirmen einfach aus dem Handelsregister, übertrug deren Aktiva auf die Muttergesellschaft und schwupps war die Strafe vergessen, da die Verurteilten ja nicht mehr existent waren. Experten tauften diesen Trick später “Wurstlücke” … den Fans und den hochmoralischen Fußballjournalisten war´s egal. Solange die Schalker Mauer keine Lücke aufwies, interessierte sich niemand für Wurstlücken und die Millionen, die Tönnies illegal von seinen Kunden ergaunerte.

Ausbeutung

Es lebe die Doppelmoral. Zwar verachtet die Gesellschaft “Billigfleisch”, doch Europas größter Produzent von Billigfleisch ist offenbar eine derart ehrenhafte Person, dass nie jemand seine moralische Befähigung für das oberste Ehrenamt neben dem Papst – dessen Amtsvorgänger übrigens auch Schalke-Mitglied ist – in Frage gestellt hat. Ja, der Tönnies ist ein erfolgreicher Mann. Ein erfolgreicher Mann, in dessen Massentötungsfabrik in Rheda-Wiedenbrück täglich 25.000 Schweine am Fließband gekeult, zerlegt und verwurstet werden. Alleine in Rheda-Wiedenbrück beschäftigt der erfolgreiche Herr Tönnies 4.500 weniger erfolgreiche Mitarbeiter, von denen nur 1.500 in einem tariflichen Arbeitsverhältnis stehen. Der Rest sind sogenannte “Werksvertragsmitarbeiter” – zumeist Osteuropäer, die zwar auf dem Papier einen Mindestlohn bekommen, der ihnen aber an anderer Stelle für überteuerte Unterkünfte, “Messergeld”, Kleidungs- und Transportgeld und andere Schikanen wieder abgeknöpft wird. Die Friedrich Ebert Stiftung nennt das „Geschäftsmodell Ausbeutung“ und Gewerkschaften sprechen von “Zuständen wie in einem Entwicklungsland”. Regelmäßig tauchen die skandalösen Arbeitsbedingungen in Tönnies’ Billigfleischfabriken in den Medien auf. Präses Peter Kossen, ein katholischer Priester, der gegen die moderne Sklaverei in der Fleischindustrie ankämpft, nennt die ausgebeuteten Arbeiter Tönnies’ übrigens passenderweise „Wegwerfmenschen“.

Aber auf die Idee, dem Verantwortlichen für diese sagenhafte Ausbeutung von „Wegwerfmenschen“ die Ehre abzusprechen, kommt erstaunlicherweise niemand – nicht die Moralapostel von BILD und SPIEGEL und auch nicht die lammfrommen Fans des angeblichen Arbeiterclubs. Welch bittere Ironie – ein Fußballkonzern, der nach außen das Image eines Arbeiterclubs pflegt, wird von einem Großkapitalisten geführt, dessen Reichtum ganz maßgeblich auf der Ausbeutung von Arbeitern beruht. Kann die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit größer sein?

Wenn es nach den Medien und den Fußballfans geht, gibt es hier erstaunlicherweise gar keine Diskrepanz. Steuerkriminalität, Bereicherung über Wettbewerbsverstöße und systematische Ausbeutung von Arbeitern sind in diesem unseren Lande demnach mit dem „Ehrbegriff“ vereinbar, den „wir“ an unsere „Eliten“ anlegen. Aber wehe, man macht einen verfehlten Altherrenwitz über Afrikaner.1 Dann ist es mit der Ehre schnell vorbei. Dann kommen die Rassisten von BILD und werfen einem Rassismus vor und die Scheinheiligen vom SPIEGEL wittern die verlorene Ehre des Clemens Tönnies. Wäre es nicht so traurig, man könnte schallend lachen.

1 Gemeint ist nicht die Verharmlosung der rassistischen Bemerkung des Clemens Tönnies, sondern die Relativierung dieser Aussage angesichts seiner wiederholten kriminellen Regelverstöße, die offensichtlich unbeachtet bleiben, obwohl die rassistische Aussage Teil seiner Regelverstöße ist.(Redaktion RVG)

image_pdfimage_print

Kommentarfunktion geschlossen.

Ähnliche Artikel

  • Archive