Virenübertragung

Das Coronavirus wurde zwar nicht von Menschen erzeugt, ihm wurde aber durch menschliches Verhalten der Weg bereitet – darin ist sich das Gros der Wissenschaft einig. Zerstörung natürlicher Lebensräume durch Abholzung und intensive Landwirtschaft, unkontrollierter Handel mit Wildtieren und Massentierhaltung begünstigen die Entstehung von Pandemien. Lesen Sie den Beitrag von Alice Hohl, orf.at

Die Menschheit wird „am Ende“ sein, wenn es nicht gelänge, unser Ernährungssystem zu verändern, warnte die Naturforscherin Jane Goodall vor einigen Tagen im britischen „Guardian“. „Wir haben uns das selbst zuzuschreiben, weil wir Tiere und Umwelt absolut nicht respektieren“, sagte Goodall. „Unsere Respektlosigkeit gegenüber wilden Tieren und unsere Respektlosigkeit gegenüber Nutztieren hat dazu geführt, dass Krankheiten auf den Menschen übergreifen und ihn infizieren können.“ Die Wissenschaft macht seit Langem darauf aufmerksam, dass Pandemien und Epidemien zunehmend ihren Ursprung bei Tieren haben, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet diese Übertragungen als Zoonosen.

„Nach Angaben des Wissenschaftsmagazins Nature sind 60 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten zoonotisch, 70 Prozent davon stammen vermutlich von Wildtieren. Die jüngsten Epidemien SARS-CoV-1, wo Erreger von Fledermäusen auf Zibetkatzen und dann auf den Menschen übersprangen, und MERS-CoV, das von Kamelen auf den Menschen übertragen wurde, sowie Ebola und HIV sind allesamt zoonotische Krankheiten“, schrieb Eva Rosenberg, Leiterin von Vier Pfoten Österreich, im Mai in einem Gastkommentar für den „Falter“.

Fledermäuse zum Verkauf auf einem indonesischen Markt

picturedesk.com/Action Press/UC Davis
Fledermäuse oder Flughunde werden auf asiatischen Märkten oft bei lebendigem Leib gekocht

Mittlerweile gilt es wissenschaftlich als relativ gesichert, dass Tiere auch die ursprünglichen Wirte des neuen Coronavirus waren. Von Fledermäusen – höchstwahrscheinlich auf einem Wildtiermarkt im chinesischen Wuhan – dürfte das Virus auf den Menschen übergegangen sein.

Gefahr geht von gestressten Tieren aus

Zu einer Übertragung von Tier zu Mensch kommt es Epidemiologen zufolge vor allem dann, wenn die Tiere großem Stress ausgesetzt sind. Eingriffe in ihren Lebensraum, das Abholzen von Wäldern, das Fangen und Zusammensperren lebender Tiere in kleinen Käfigen auf Märkten, all das verursache Stress und begünstige den Übergang der Viren von einer Spezies zur anderen und schließlich zum Menschen.

In einer im April in den „Proceedings of the Royal Society B“ erschienenen Studie durchforsteten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Arbeiten nach Berichten über Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übergingen. Analysiert und miteinander korreliert wurden Daten der Roten Liste für bedrohte Tiere (IUCN Red List) und Daten zu etwa 140 bekannten tierischen Viren, die aufgrund ihrer Eigenschaften auch Menschen anstecken könnten.

Mensch hat Viren den Weg geebnet

Dabei zeigte sich, dass es nur wenige Wildtiere gibt, die ohne menschliches Zutun vom Aussterben bedroht sind, und diese generell nur ein sehr geringes Risiko der Übertragung von Infektionskrankheiten bergen, zitierte die BBC im April Christine Johnson, Leiterin eines Projekts zu Pandemien an der University of California, Davis. Jene Wildtiere dagegen, die aufgrund der Ausbeutung durch den Menschen oder durch den Verlust ihres Lebensraums gefährdet seien, würden doppelt so viele Viren in sich tragen, die Krankheiten auslösen können.

Ein Elefant zieht einen Baumstamm

Reuters/Soe Zeya Tun
Die Zerstörung ihres natürlichen Umfelds schwächt das Immunsystem der Tiere

Der Ruf nach Eindämmung des Handels mit Wildtieren wird lauter. Johnson zufolge sind vielbesuchte Märkte, wo sich Tiere und Menschen vermischen, die in der Natur kaum Berührungspunkte hätten, ideale Brutstätten für Krankheiten. Auch die Kampagne Compassion in World Farming plädiert für ein weltweites Handelsverbot mit Wildtieren, um deren Ausbeutung für traditionelle Medizin, exotische Haustierhaltung, Tourismus und andere Zwecke zu beenden. Zwar ist der Handel mit einigen gefährdeten Arten bereits verboten, aber immer noch weit verbreitet.

Industrielle Tierhaltung begünstigt Seuchenausbrüche

Doch es sind beileibe nicht nur Wildtiere, von denen Gefahren für Zoonosen ausgehen. Haus- und Nutztierarten beherbergen besonders viele Viren, im Schnitt etwa achtmal so viel wie wilde Tiere. So finden sich etwa in Schweinen und Rindern bis zu 30 Arten von Viren. Oft auf engem Raum und in unmittelbarer Nähe des Menschen gehalten, sind Nutztiere daher auch ein besonders großer Risikofaktor, schreiben die Forscherinnen und Forscher der University of California.

Die Verbindung von intensiver Landwirtschaft und Seuchenausbrüchen beleuchtete unlängst auch das globale Investorennetzwerk FAIRR – die Studie kam laut „Guardian“ zu dem Schluss, dass mehr als 70 Prozent der größten Fleisch-, Fisch- und Milchproduzenten Gefahr liefen, künftige Zoonosen zu begünstigen: Die Sicherheitsstandards seien zu niedrig, die Tiere würden zu eng gehalten, und der Einsatz von Antibiotika sei überbordend. „Die Massentierhaltung ist sowohl anfällig für Pandemien als auch schuld daran“, sagte FAIRR-Gründer Jeremy Coller. „Es ist ein selbstdestruktiver Kreislauf, der Werte vernichtet und Leben gefährdet.“

„Pandemien keine Frage des Ob, sondern des Wann“

„Die Pandemie war nur eine Frage der Zeit“, schrieb auch Vier-Pfoten-Chefin Rosenberg. Als „Meilenstein“ bewertete sie folglich eine Aussage von EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius vor rund einem Monat: In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters sagte er, dass „die Intensivtierhaltung eine große Rolle in der jüngsten Pandemie spielt. Es gibt auch starke Belege dafür, dass die Art und Weise, wie Fleisch produziert wird, und nicht nur in China, einen Beitrag zu Covid-19 geleistet hat.“ Rosenberg sieht darin eine langsame Abkehr von dem, was die EU jahrzehntelang praktiziert und gefördert hat.

Drastisch fasste der US-Wissenschaftler Michael Greger, der 1993 als einer der ersten Experten auf die mögliche Übertragbarkeit von BSE auf den Menschen hingewiesen und unlängst das Buch „How To Survive A Pandemic“ herausgebracht hat, die Problematik zusammen: „Industrielle Tierhaltung ist der sicherste Weg, Pandemien hervorzurufen.“ Und: „Bei Pandemien ist es keine Frage des Ob, sondern des Wann und des Wie. Ein globaler Ausbruch mit einer Sterblichkeit von mehr als nur einigen Prozenten würde nicht nur die Finanzmärkte bedrohen, sondern auch die Zivilisation selbst, wie wir sie kennen.“

 

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