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Politik und Gesellschaft

Sicherstellungsauftrag

Vorrang der ambulanten Versorgung

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, Walter Plassmann (63), verspricht den Patienten mehr Service und erwartet weniger Einfluß von Kapitalanlegern und Krankenhauskonzernen wie Asklepios. Lesen Sie das leicht gekürzte Interview von Christoph Rybarczyk und Cornelia Werner, dem HA entnommen.

Herr Plassmann, es gibt Patienten, die sagen: Wir finden keinen Hausarzt mehr in Hamburg. Was tun?

Ja, diese Klagen hören wir auch. Aber man muss das einordnen: Hamburg ist medizinisch hervorragend versorgt. Es gibt keine Region in Deutschland, die dichter oder besser versorgt wäre und in der die Wege zum Arzt kürzer sind. Wenn Versicherte keinen Arzt finden, hat das in der Regel individuelle Gründe, die in nahezu allen Fällen auch gelöst werden können. Wenn es einmal über das Individuelle hinausgeht, reagieren wir sofort: So hat der Zulassungsausschuss aus Krankenkassen und Ärzten im vergangenen Jahr vier neue Kinderarztsitze geschaffen und elf neue Rheumatologensitze.

Gibt es einen Mangel an traditionellen Hausärzten, die alles können?

In Hamburg haben wir ca. 1500 Hausärzte und damit statistisch mehr als ausreichend. Es gibt aber welche unter ihnen, die spezialisieren sich zum Beispiel auf Homöopathie, Infektiologie, Diabetologie oder andere Gebiete. Dort wird dann nicht mehr die ganze Breite der allgemeinmedizinischen Versorgung angeboten. Es ist legitim – auch für einen Hausarzt – sich zu spezialisieren. Trotzdem benötigen wir ausreichend Basisversorger. Wie viele dieser Basisversorger wir genau haben, ermitteln wir gerade in einer Untersuchung. Dann müssen wir sehen, ob wir Konsequenzen ziehen müssen.

Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks will uns an die Kandare nehmen

Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) will eigenständig Arztsitze einrichten.

Das verstehe ich nicht, und das empört mich auch – gerade weil wir immer bewiesen haben, dass wir dort handeln, wo es nötig ist. Es ist eine Kernaufgabe der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen, den Versorgungsbedarf zu erkennen – und Sitze zuzulassen. Das gehört zum Sicherstellungsauftrag, den der Staat aus gutem Grunde an Ärzte und Krankenkassen übertragen hat. Es stimmt einfach nicht, dass die Politik besser weiß, wo Bedarfsnotwendigkeiten sind. Dies gilt schon deshalb nicht, weil die KV auf keine Wahl Rücksicht nehmen muss wie die Senatorin. Es ist doch einigermaßen durchschaubar, was hier passieren soll: Der Bevölkerung soll der Eindruck vermittelt werden, dass die Politik etwas tut, zum Beispiel im Vorfeld der anstehenden Bezirkswahl. Ob es sinnvoll ist oder überhaupt machbar, steht dabei außen vor.

Warum tut die Senatorin das?

Das ist ein weiterer Schritt von Frau Prüfer-Storcks, die Selbstverwaltung an die Kandare zu nehmen. Das erschüttert aber unser hervorragendes Gesundheitssystem in den Grundfesten. Die Ärzte wissen, wie Versorgung funktioniert, nicht die Politik.

 

Der Trend geht hin zu Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) mit mehreren Ärzten und zum Teil verschiedenen Fachrichtungen, die gar nicht von Ärzten betrieben werden. Was ist so schlimm daran?

Medizinische Versorgungszentren als solche sind nicht das Problem. Es geht um solche, wo wegen spezieller wirtschaftlicher Interessen der Eigentümer der Versorgung der Patienten geschadet wird: Zum einen sind das Private-Equity-Firmen (Kapitalanleger), die sich irgendwo in Deutschland ein Krankenhaus kaufen und überall ein MVZ, gleich welcher Richtung, aufbauen dürfen. Die suchen sich Geschäftsfelder und Fachrichtungen, wo man hohe Gewinne erzielen kann, weil man nur spezielle Leistungen anbietet. Beispiel Augenarzt: Das MVZ kann sagen, es macht nur Laser-OPs, und wenn es vier, fünf Zulassungen hat, wird daraus schnell eine OP-Fabrik. Dasselbe gilt für die Radiologie, wo Praxen zu Ketten zusammengebunden werden. Da bekommen Sie keine normale Röntgenaufnahme vom Magen mehr. Aber dafür haben Sie Kernspintomografie und Computertomografie ohne Ende, weil das, in Serie gemacht, richtig viel Geld einbringt.

Asklepios hat nahezu wahllos Praxen aufgekauft

Welche Konsequenzen hat das?

Das zerstört die Versorgung und unsere Bedarfsplanung. Ich frage mich auch, was passiert, wenn sich der Markt wieder dreht und man mit Geld wieder mehr Geld verdienen kann als mit solchen Investitionen in die ambulante Versorgung. Dann sind die Geldgeber so schnell weg, wie sie gekommen sind. Und wir stehen dann vor den Trümmern solcher MVZ-Konstrukte. Aber das ist nur ein Strang. Der zweite ist die Größe. Asklepios hat nahezu wahllos Praxen aufgekauft. Ich vermute, dass Asklepios deutlich über 100 Zulassungen in Hamburg und Umgebung besitzt. Und weil sie sich auf einzelne Indikationen konzentrieren, ist eine Marktposition entstanden, in der eine Kassenärztliche Vereinigung fast schon erpressbar wird. Die Machtverhältnisse verschieben sich. Denn ein Player wie Asklepios sagt dann vielleicht: Wenn ich nicht bekomme, was ich will, bekommst du ein Sicherstellungsproblem.

Sind die großen MVZ gekennzeichnet?

Ärzte haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass Asklepios eine Praxis aufkauft, aber die Namen der Ärzte auf dem Schild stehen lässt. Der Patient wird dadurch in die Irre geführt. Geht er nun beispielsweise in eine Asklepios-Klinik wegen Rückenbeschwerden und hört, dass er an der Bandscheibe operiert werden soll, und will er sich eine Zweitmeinung in einer Praxis holen, dann wäre es für ihn schon wichtig zu wissen, ob der Arzt, den er aufsucht, auch bei Asklepios angestellt ist oder nicht.

Was schlagen Sie vor?

Es wäre das Mindeste, dass die Praxen kennzeichnen müssen, dass sie zu einem MVZ gehören. Hier fehlt es an Transparenz. Die gesamte Fehlentwicklung aufhalten kann man aber nur, wenn es Krankenhäusern nicht mehr möglich ist, MVZ zu gründen. Das ist unsere Forderung.

Lauterbach diffamiert die Ärzte

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) sieht vor, die Sprechstundenzeit für Kassenpatienten von 20 auf 25 Stunden pro Woche zu erhöhen. Wie kommt das bei Ärzten an?

Was die Ärzte und die Kassenärztliche Vereinigung als ihre Vertreterin empört, ist weniger der Inhalt. In den meisten Praxen werden bereits heute mehr Sprechstunden angeboten, als im Gesetz gefordert.

Also kein Golfspielen ab Mittwochmittag bis zum Wochenende, wie SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach bei Ärzten diagnostizierte?

Die Diffamierungen der Vertragsärzte durch Herrn Lauterbach haben mittlerweile ein unerträgliches Maß erreicht. Davon abgesehen: Diese neue Regelung ist völlig überflüssig. Sie schreibt dem Arzt im Detail vor, wie er seine Praxis zu führen hat. Ein Vertragsarzt ist doch kein Staatsangestellter. Es ist ein Freiberufler wie ein Rechtsanwalt oder ein Bäcker, dem schreibt man auch nicht vor, wie er seine Brötchen verkauft.

Was wollen Sie für die Patienten verbessern? Die Hamburger sind überall Online-Services gewohnt.

Das TSVG verpflichtet uns, die Terminservicestellen auszubauen. Wir werden jetzt den Patienten darüber hinaus ganz allgemein Termine anbieten. Die Hamburger werden künftig über die Kassenärztliche Vereinigung im Internet suchen können, wo sie einen Termin bekommen können. Wir setzen dazu eine neue Plattform auf als Gemeinschaftsunternehmen aller KVen bundesweit. Sie geben ein, welchen Arzt Sie wollen, vielleicht noch die Region, und erhalten konkrete Termine, die Sie buchen können.

Neue Notfallpraxis mit 24-Stunden-Betrieb am UKE

Wo bauen Sie die nächsten Portalpraxen, (1)  um den Strom in die Notaufnahmen und Praxen von niedergelassenen Ärzten besser zu lenken?

Für Bergedorf haben wir uns entschieden, ab April mit dem Adolf-Stift in Reinbek zu arbeiten, weil es deutlich besser zu erreichen ist als das Bethesda-Krankenhaus – und weil schon eine große Zahl von Bergedorfern Reinbek in Anspruch nimmt.

Was ist mit dem UKE?

Ab Sommer 2019 werden wir im UKE eine Portalpraxis mit einem 24-Stunden-Betrieb haben. Das ist tagsüber die Hausarztpraxis von Professor Scherer und abends unsere Notfallpraxis. Das ist der eigentliche Test: Das UKE hat die meisten Notfallpatienten, liegt sehr gut, und wird zeigen: Was bringt eine Portalpraxis überhaupt in Hamburg?

 

(1) Das  Krankenhausstrukturgesetz  verpflichtet die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), Portalpraxen in bzw. an Krankenhäusern einzurichten, damit Patienten, bei denen es sich nicht um Notfallpatienten handelt, die aber dennoch im Krankenhaus stationär behandelt werden wollen, ambulant behandelt werden können.

Anmerkungen

Die hamburger Bevölkerung ist mit niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern sehr gut versorgt, wenn nicht sogar überversorgt. Gänzlich anders sieht es in ländlichen Regionen aus, in denen bereits jetzt zunehmend niedergelassene Ärzte fehlen. In solchen Regionen, nicht ausschließlich ländliche Regionen, ist der Sicherstellungsauftrag gefordert, um eine künftige Unterversorgung zu vermeiden. Medizinische Versorungszentren ( MVZ) mit angestellten Ärzten sind aber kein Ersatz für den Mangel an niedergelassenen Ärzten, sondern lediglich eine Ergänzung. Es ist und bleibt vorrangige Aufgabe, genügend Ärzte bereitzustellen, um die ambulant Versorgung sicherzustellen. In den Regionen mit unzureichender Versorgung wird sich entscheiden, ob oder inwieweit der Sicherstellungsauftrag noch ausreicht.

Systemfremd und gefährlich für die Versorgung von Patienten sind Kapitalanleger, die abseits der Patientenversorgung hohe Renditeerwartungen haben und ihr Kapital z.B aus MVZ wieder abziehen, wenn sich ihre Erwartungen nicht erfüllen.

 

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