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Kulturelle und strukturelle Unterschiede in Ost und West

Berlin, Humboldt-Universität. Steffen Maus Büro liegt im ersten Stock, gegenüber sitzt Herfried Münkler, der bekannte Politologe. Der Soziologieprofessor Steffen Mau ist für die Recherche zu seinem Buch „Lütten Klein. Leben in der Transformationsgesellschaft“ in seine Heimat zurückgegangen.Lesen Sie das gekürzte Interview von Sabine Rennefanz, der Berliner Zeitung entnommen.

Rennefanz: Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie 1990 mit Ost und West zwei völlig unterschiedliche Mentalitäten und Prägungen zusammenkamen: eine ethnisch weitgehend homogene Arbeitergesellschaft und eine von Individualisierung geprägte Wohlstandsgesellschaft. Wie wirken sich die Unterschiede bis heute aus?

Die Ostdeutschen erlebten 1990 eine relative soziale Deklassierung, sie wanderten kollektiv in eine wohlhabendere und statusmäßig höher gestellte Gesellschaft ein. Das wächst sich nur sehr langsam aus. Die Sozialisation prägt enorm. Mir ist das früher nie aufgefallen, aber ich erlebe mitunter, dass ostdeutsche Studierende sagen, sie wollen das Studium abbrechen, weil sie sich an der Universität fremd fühlen und die Debatten mit den eigenen Lebenswelten wenig zu tun haben. Da sehe ich schon eine Ost-West-Diskrepanz. Ein Kollege aus Leipzig sagte neulich, seine Oststudenten seien wesentlich angepasster als die Kommilitonen aus dem Westen. Vieles wächst sich aus, manches aber bleibt.

Die DDR beschrieb sich selbst als Arbeiter- und Bauernstaat. Sie schreiben in Ihrem Buch, Ende der 80er-Jahre seien kaum noch Arbeiterkinder an den DDR-Universitäten gewesen. Wie passt das zusammen?

In den 50er-Jahren war die DDR eine Aufsteigergesellschaft: Menschen aus einfachsten Schichten machten Abitur und kamen an die Hochschule. Aber so ein Programm funktioniert nur eine Generation lang, sonst müsste man immer wieder einen Umbau der Sozialstruktur vornehmen. In den 70er-Jahren fing es an, dass die Akademiker, die sozialistische Intelligenz, anfingen, sich selbst zu reproduzieren, sie versuchten, ihre Kinder an die Hochschulen zu bringen. Das führte dazu, dass sie Arbeiterkindern den Platz wegnahmen. Hinzu kam, dass die DDR ein Land war, das zwischen 1970 und 1989 die Zahl der Studienplätze reduziert hat. 1980 durften nur elf Prozent eines Jahrgangs an die Universität.

Bis heute gilt das DDR-Bildungssystem als vorbildlich.

Heute gibt es eine große Gruppe von jungen Menschen, die ohne beruflichen Abschluss ins Leben starten, etwa 14 Prozent, das gab es in der DDR nicht. Fast alle haben eine gute Allgemeinbildung genossen und sind ausgebildet worden, selbst wenn sie mit der achten Klasse abgegangen sind. Was man auch bedenken muss: Arbeiter sein in der DDR hieß, kulturell teilzuhaben, auch Arbeiter hatten Bücherregale zu Hause, gingen ins Theater. Kultur und Bildung spielte eine große Rolle, darauf hat die DDR auch geachtet. Es gab mal eine Studie in den Neunzigern, da wurde gefragt, wer in seinem Leben noch nie in der Bibliothek war. Da war der Anteil im Westen doppelt so hoch wie im Osten.

War das Bildungssystem der Bundesrepublik durchlässiger?

Das kann man so nicht sagen. Es gab in den 70er-Jahren eine Bildungsexpansion, eine Öffnung, die es auch dem oft zitierten katholischen Arbeitermädchen vom Lande ermöglichte, an die Universität zu gehen. Der Anteil der Menschen, die einen Hochschulabschluss geschafft haben, wurde viel größer. Das heißt, über die Zeit stieg der Anteil der Akademiker, das führt wiederum zu Schließungsprozessen. Man könnte das nur aufhalten, wenn man hinnehmen würde, dass nicht alle Akademikerkinder Abitur machen. Aber es gibt in bürgerlichen Kreisen geradezu eine Bildungspanik: Nur die Wenigsten möchten ihre Kinder ohne Hochschulabschluss ins Leben starten lassen. Das ist in unteren Schichten anders, was auch mit den Kosten einer längeren Ausbildung zu tun hat.

Ich habe den Eindruck, es gibt im Arbeitermilieu diesen Aufstiegswillen oft gar nicht mehr, weil man sowieso fürchtet, keine Chance zu haben.

Der Herkunftseffekt schlägt früh durch. Wenn es Konkurrenz um knappe Plätze in den guten Schulen gibt, setzen sich diejenigen durch, die eher mit kulturellem Kapital ausgestattet sind. Das sind diejenigen, die Unterstützung von ihren Eltern bekommen. Es gibt Studien, die sagen, dass schon Erziehungsstile im Mittelschichtshaushalt anders sind als im Arbeiterhaushalt. In Mittelschichtshaushalten  werden Kinder eher zu Verhandlungspartnern, es gibt viele Förderungsangebote, es entwickelt sich so etwas wie eine Anspruchshaltung gegenüber der Welt, die auch in den Bildungsinstitutionen artikuliert wird. In den unteren Schichten herrscht ein Konzept von „natural growth“: Man lässt die Kinder einfach heranwachsen. Die Interaktion findet eher im Anweisungs- und Befehlston statt, es wird weniger argumentiert und erklärt. Das führt dazu, dass Kinder sich eher anpassen. Die unterschiedlichen Codes bevorteilen die Mittelschichtskinder, weil sie gegenüber Lehrern und Professoren anders auftreten können. Jemand, der vom Humanistischen Gymnasium kommt, der tritt viel selbstbewusster auf und diskutiert auf Augenhöhe.

Ostdeutsche besetzen nur 1,7 Prozent der Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Medien. Überrascht Sie diese Zahl?

Die Zahl ist schockierend. Es gibt eine extreme Unterrepräsentation von Ostdeutschen. Ich sehe als Grund vor allem strukturelle Benachteiligungen, die in der DDR und der Nachwendezeit liegen und die dafür sorgen, dass Ostdeutsche im Wettbewerb oft unterlegen sind. Es war der größte Fehler der Wiedervereinigung, dass nicht in die Köpfe investiert wurde. Man hat den Ostdeutschen nicht zugetraut, dass sie schnell dazulernen können. Nach 1990 wurden viele Spitzenjobs von Westdeutschen besetzt, meist von Männern, das ist etwas, das bis heute Gültigkeit hat. Selbst im Osten sind drei Viertel der Elite Westdeutsche, vom Sparkassendirektor bis zum Hochschulrektor. Wenn sich zwei unterschiedliche Gesellschaften vereinigen, eine Arbeitergesellschaft und eine Mittelschichtsgesellschaft, dann setzt sich die Mittelschicht durch. Für Ostdeutschland kommt noch hinzu, dass es keine großen Unternehmen mehr gab.

Es gab und gibt aber auch ostdeutsche Vorzeigekarrieren.

Das sind Leute, die früh in den Westen gegangen sind. Viele, die geblieben sind, traf dann der Umbau. Das ist besonders bitter für diejenigen, die zu Wendezeit zwischen Ende 20 und 40 waren. Viele haben für die politische Wende demonstriert, gegen die Enge der DDR gekämpft. Dann dachten sie 1990: Jetzt geht es los, Freiheit, aber dann sind sie erst mal aussortiert worden und landeten im Maßnahmen-Karussell. Sie haben lange gebraucht, zurecht zu kommen und empfinden heute doppelte Benachteiligung: Erst stießen sie in der DDR auf eine blockierte Gesellschaft, danach kamen sie auch nicht zum Zug.

Ich werde von Westdeutschen oft gefragt, warum denn nicht mehr Menschen nach 1990 die Chancen ergriffen, die sich ihnen boten.

Die späte DDR war extrem mobilitätsblockiert, die Alten besetzten überall die Spitzenpositionen, man kam nicht mehr weiter. Das war auch mit ein Grund, warum die Leute auf die Straße gegangen sind. Die Annahme war, wenn die Bleiplatte sich öffnet, dann müsse es eine Umschichtung nach oben geben. Die Wiedervereinigung brachte aber weniger Aufstiegschancen für die mittlere und jüngere Generation. Betrachtet man die Wahrscheinlichkeit von Aufstiegen zwischen den Generationen, schneiden ostdeutsche Männer am schlechtesten ab. Während in den Neunzigern etwa jeder dritte Sohn eine bessere Klassenposition erreichte als sein Vater, gelingt dies heute nur einem Viertel – in Westdeutschland liegt dieser Wert bei 38 Prozent. Bei den Ostdeutschen ist ein Drittel im Vergleich zu den Eltern abgestiegen. Das ist ein hoher Wert, vor allem, wenn man bedenkt, dass die DDR eine einfache Werktätigengesellschaft war. Daraus kann man auch Erfahrungen der Enttäuschung und des Abgehängtseins erklären.

Woran liegt es, dass auch die jüngeren Ostdeutschen offenbar nicht aufsteigen?

Gerade, weil man für die Himmelsrichtungen blind ist, setzen sich Westdeutsche automatisch durch. Sie haben andere Elternhäuser, mehr Kontakte.  Aufstieg liegt nicht nur an Talent und Leistungsbereitschaft. Ein wichtiger Faktor ist Glück. Und Glück ist sehr ungleich verteilt. Und man weiß ja, wie wichtig Netzwerke sind: Freunde von Eltern können einem ein Praktikum in einem tollen Betrieb beschaffen oder in einer Zeitungsredaktion. Das können viele ostdeutsche Eltern nicht. Nach wie vor gilt im Osten, dass man dort auch nicht so gut Karriere machen kann. Die meisten Unternehmen sind kleinteilig.

Sie schreiben, dass die westdeutschen Eliten, die in den Osten kamen, zwar Sachkenntnis hatten, aber in den Regionen fremd blieben. Was meinen Sie damit?

Die Westdeutschen sind in den 90er-Jahren als Retter gekommen und da gab es verschiedene Typen, sie stammten eher aus bürgerlichen Kreisen, waren besser gebildet, finanziell gut versorgt.

Sie fielen schon optisch im Stadtbild auf.

Genau, der Westdeutsche trug den langen wehenden Mantel und der Einheimische einen Anorak. Der eine verkörpert die weite Welt, der andere die Provinz. Sie trafen auf die arbeiterliche Gesellschaft. Da gab es viele Konflikte, die Anlässe konnten manchmal ganz banal sein: Wann fängt man an zu arbeiten, früh um sieben, wie im Osten üblich, oder um neun? Teile dieser neuen Transfereliten haben sich regional gebunden, durch Heirat oder Familiengründungen. Aber sie haben sich nicht angepasst, sondern ihren Habitus behalten. Das begründet auch die Distanz der Masse zu diesen Transfereliten. Hinzu kam, dass sie völlig verschiedene Erfahrungen machten:

Die Ostdeutschen wurden arbeitslos, die Westdeutschen wurden Chefs. Viele Westdeutsche kamen als Heilsbringer, nämlich als diejenigen, die alles wussten und alles konnten. In dem Maße, in dem auch die Heilsbringer nicht geliefert haben, die wirtschaftliche Lage schwierig blieb, drehte sich die Stimmung, man sah, dass die westdeutschen Eliten auch nicht über Nacht alles gehalten haben, was versprochen wurde.

Was hätten die Wessis anders machen sollen?

Es gibt ja tolle Beispiele, von Leuten, die sich leidenschaftlich engagiert haben. Es gab aber auch Leute, die die Position im Osten nur als Durchgangsstation gesehen haben. Gerade in kleinen, nicht so attraktiven Städten. Die blieben drei vier Jahre und sind dann weitergewandert. Der Kontakt blieb oberflächlich.

Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan hat die These aufgestellt, dass Ostdeutsche und Migranten ähnlich diskriminiert werden. Sehen Sie diese Analogien auch?

Das sind Gedankenspiele, sie erklären gesellschaftlich wenig. Gewiss: Es gibt eine mediale Darstellung von Ostdeutschen die nicht immer schmeichelhaft ist. Aber gegenüber Ostdeutschen gibt es keinen Rassismus, keine Abwertung oder Diskriminierung der Person aufgrund ihrer Herkunft.

Würde eine Ost-Quote helfen?

Da bin ich zurückhaltend. Ich bin sonst Befürworter von Frauenquoten, wenn es nicht voran geht, aber bei Ost und West bin ich skeptisch. Es sind so viele Westdeutsche in den Osten gezogen, haben dort Kinder. Wer ist heute Ostdeutscher? Was ist eine Spitzenposition? Das ist doch schwierig festzustellen. Bei der Besetzung von Positionen sollte es mehr darum gehen, die Lebensumstände und den zurückgelegten Weg zu betrachten. Eine Frau aus einer Bauernfamilie in Bayern, die sich auf eine Professur bewirbt, hat eine größere Lebensenergie aufgewendet als der Professorensohn, der in die Fußstapfen seines Vaters tritt. Wenn man ostdeutsche Eliten fördern wollte, ginge das auch ohne Quoten.

Ergänzung

Die Arbeitnehmer in Schleswig-Holstein haben ein Einkommensniveau von 88 Prozent im Vergleich zum Bundesdurchschnitt, so ein Ergebnis der aktuellen Studie des Instituts für Weltwirtschaft.  Das ist ungefähr das Einkommensniveau in Ostdeutschland. Die Problematisierung der Einkommen in Ostdeutschland ist daher unangemessen und überhöht, zumal die Einkommen in Schleswig-Holstein im Vergleich sinken, während sie in Ostdeutschland steigen.

Daraus ergibt sich eine unzulässige Beschränkung auf die Verbesserung der Situation im Osten, statt insgesamt eine deutliche Verbesserung der Einkommen anzustreben und den regionalen Handlungsbedarf besonders zu berücksichtigen. Damit wird gleichzeitig der Zusammenhalt gefördert, statt die Spaltung mit einer Beschränkung auf Ostdeutschand zu vertiefen.

Im übrigen: In Schleswig-Holstein hat die AfD keine Chance.

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