Kompetenz als Makel

Viele Bürger mögen genervt sein von seinen ewigen Warnungen. Übersehen wird aber oft, dass Karl Lauterbach auch konstruktive Vorschläge am Fließband produziert. Mit ihm wäre Deutschland vermutlich besser durch die Krise gekommen. Lesen Sie die redaktionell geänderte Kolumne von Markus Feldenkirchen, dem Spiegel entnommen.

Man kann den Talkshow-Planern in Deutschland natürlich vorwerfen, dass sie bei der Besetzung ihrer Sendungen wiederholt auf Karl Lauterbach setzen, was allerdings gerechtfertigt ist. Man kann ihnen deswegen zugutehalten, dass sie ganz einfach sein Potenzial erkannt haben.

Ich glaube sogar: Mit einem Gesundheitsminister Lauterbach wäre das Land besser durch die Pandemie gekommen.

Profunde Kenntnisse

Gewiss, Lauterbach ist nicht allzu kamerascheu. Sein damit verbundenes Sendungsbewusstsein fußt aber auf einem ständig von ihm erweiterten Fundament, das in der Politik selten ist, weil es mit Arbeit verbunden ist. Die Emsigkeit, mit der er täglich neue Erkenntnisse auf Twitter aufbereitet, ehe er sie vor Fernsehkameras erläutert, hat vermutlich mehr zum Pandemieverständnis beigetragen als alle Regierungserklärungen zusammen. Dabei ist er völlig unabhängig von parteitaktischen Zwängen. Wenn eine Flitzpiepe aus seiner Partei die Pandemie mal wieder nicht verstanden oder sich damit nicht ausreichend beschäftigt hat(schöne Grüße nach Brandenburg!), sagt er das ebenso deutlich wie bei anderen Flitzpiepen.

An der Sache orientiert
Trotzdem gibt es in der landläufigen Lauterbach-Rezeption ein Missverständnis. Vielen gilt er als tumber Lockdown-Fetischist, der alle Bürger am liebsten in den Keller sperren würde – und für den Urlaub im Bett wirbt. Aber seine Warnungen waren fast immer richtig. Er sprach über die Gefahr durch Aerosole, als viele noch an Luftschokolade dachten. Im Sommer warnte er immer wieder vor einer zweiten Welle, als viele Vertreter der Bundesregierung Corona bereits für überwunden hielten – oder sich zumindest so lethargisch verhielten.
PDFDrucken