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Helios-eine unendliche Geschichte

Rendite statt Versorgung

Der Klinik-Konzern Helios, der sein Handeln einer möglichst hohen Rendite unterordnet, ist bereits in der Vergangenheit durch erhebliche Mängel in der Versorgung unrühmlich aufgefallen. Daran wird sich auch künftig nichts ändern. Lesen Sie den Beitrag von Klaus Brandt, dem HA entnommen.

Berlin.  Schmutz auf der Bettwäsche, Blutreste auf Zimmern und Gängen, überlastete Ärzte und erschöpfte Pfleger auf den Stationen: Erneut stehen Krankenhäuser des Helios-Konzerns wegen eklatanter Hygiene- und Personalmängel in der Kritik. In Berlin und Wiesbaden stieß das „Team Wallraff“ bei einer Undercover-Recherche auf Missstände, die Patienten gefährden können. Bereits 2013 waren in diversen nordrhein-westfälischen Kliniken des Konzerns gravierende Defizite aufgetreten. Die Frage, warum Helios die Hygiene bis heute nicht im Griff hat, ließ der Konzern am Dienstag unbeantwortet.

Im Internet wirbt das Helios-Klinikum Berlin-Buch seit Kurzem mit einem Hightech-Schmankerl: Eine Videodolmetscherin erklärt fremdsprachigen Patienten, was sie erwartet. Ob der Übersetzungsdienst auch Begriffe wie Infektionsgefahr, Hygieneversagen oder andere Regelverstöße erläutert? Angebracht wäre es wohl. Denn was das Team von Enthüllungsjournalist Günter Wallraff im Klinikum Berlin-Buch erlebte und mit verdeckter Kamera dokumentierte, wirft ein dunkles Licht auf die „bestmögliche medizinische Versorgung unserer Patienten“, die Helios auf der Homepage im Internet für sich beansprucht.

 

Keimträger flaniert ungeschützt unter Chemopatienten

RTL-Reporterin Pia Osterhaus schleuste sich verdeckt in die Berliner Klinik ein. Sie arbeitete als Praktikantin auf der Krebsstation. Ihre Kamera lieferte unappetitliche Bilder: Servicekräfte ohne Schutzkittel reinigten erst die Betten per Hand und teilten dann das Essen an die Patienten aus – in Kleidung, die genauso aussah wie zuvor bei den Putzarbeiten. Die getarnte Journalistin filmte, wie ein Patient mit einem multiresistenten Krankenhauskeim ohne Mundschutz und sonstige Schutzvorkehrungen auf der Krebsstation unterwegs war. Im Wartebereich setzte sich der Keimträger zu Patienten, die eine Chemotherapie bekamen. Gerade für das angegriffene Immunsystem von Chemopatienten sind multiresistente Bakterien eine lebensgefährliche Bedrohung. Deshalb ist Professor Klaus-Dieter Zastrow, Chef des Hygiene-Instituts der Vivantes Kliniken Berlin und Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Hygieniker (BDH), entsetzt: „Wenn das so stattgefunden hat, dann ist das ein Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz und damit eine Straftat“, sagt der renommierte Hygieniker. Hochrisikozonen wie die Aufenthaltsbereiche von immungeschwächten Patienten seien besonders zuverlässig zu schützen.

Personalmangel

Der Personalmangel drücke auf die Pflege- und Versorgungsqualität, berichtete die Undercover-Reporterin auch über ein anderes Helios-Haus, die Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden. Im Mai 2014 hatte Helios rund die Hälfte dieser Einrichtung übernommen – und seither mehr als 300 Stellen abgebaut. Insgesamt sollen rund 400 Stellen verschwinden. Als unbezahlte Praktikantin in der Notaufnahme erlebte sie nach eigenen Angaben dramatische Engpässe bei der Aufnahme von Notfällen.

Helios spare sich zu Tode, hörte sie von einem Pfleger. Für den Mai 2015 rechnete er ihr bis zu 700 geplante Überstunden in der Notaufnahme vor. Da seien Burn-outs geradezu programmiert. Eine Helios-Mitarbeiterin habe erklärt, der Betrieb funktioniere nur, „indem wirklich über die Kraftreserven hinaus gearbeitet wird. Aber irgendwann ist damit Schluss. In unserer Klinik laufen wir gerade auf einen Kollaps zu. Wir sind am Ende.“

Von Januar bis Ende September 2015 habe es 618 Überlastungsanzeigen von medizinischen Mitarbeitern in der Wiesbadener Klinik gegeben, hieß es. Demnach hätten Ärzte und Pfleger 618-mal den Eindruck gehabt, Patienten zu gefährden. Der Film zeigte schlimme Bilder: Der Boden auf den Gängen war mitunter verdreckt, blutiges Arbeitsmaterial lag teilweise auf dem Boden. Und im Flur vor der Notaufnahme, der für jeden öffentlich zugänglich ist, standen verschmutzte Betten mit befleckten Laken – laut Reporterin ein möglicher Hinweis darauf, dass Helios auch die Arbeitszeiten der externen Reinigungsfirma drastisch reduziert haben könnte.

Hygienemängel

„Einfach schrecklich“ findet das Professor Walter Popp, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Ge­sellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). „Das sind unglaubliche und unhaltbare Zustände“, sagte Popp dem Abendblatt. Mit Blick auf Helios-Renditeziele im zweistelligen Bereich geißelt er „den zu hohen Preis einer brutalen Gewinnmaximierung“.

Helios steht nicht zum ersten Mal am Pranger. 2013 kritisierten der Landesverband Berlin-Brandenburg des Marburger Bundes (MB) und der Betriebsrat des Klinikums Berlin-Buch die Personalpolitik des Konzerns. „Die Zustände im Helios Klinikum Berlin-Buch zeigen, wie wirtschaftlicher Profit über die ärztliche Versorgung gestellt wird“, sagte damals Peter Bobbert, Chef des MB Berlin-Brandenburg, und sprach von einer völlig verfehlten Personalpolitik, die die Patientenversorgung gefährde. Ebenfalls 2013 waren gravierende Hygienemängel in Krankenhäusern des Konzerns in Nordrhein-Westfalen aufgeflogen. Recherchen der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ), die – wie das Hamburger Abendblatt – zur Funke Mediengruppe gehört, brachten den Skandal seinerzeit ans Licht: Im Helios-Klinikum Duisburg stieg damals die Zahl der Infektionen mit dem multiresistenten Keim MRSA sprunghaft an. Zeitweise entfielen fast 50 Prozent aller MRSA-Fälle in den zwölf Krankenhäusern der fast 500.000 Einwohner zählenden Stadt auf die drei Duisburger Helios-Kliniken dort. Der Konzern verwies damals zunächst sein „vorbildliches Hy­gienekonzept“, räumte später „Handlungsbedarf“ ein und wollte „an der Verbesserung des Hygienemanagements arbeiten“.

Aus der Berliner Helios-Zentrale hieß es am Dienstag, das Hygienekonzept fuße auf den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Die Belastung mit Krankenhauskeimen liege in Berlin-Buch derzeit unter dem Bundesschnitt. Der RTL-Bericht zeige aber, „dass wir beim Thema Hygiene nicht nachlassen dürfen und eindringlich auf die Einhaltung der Hygienevorgaben dringen müssen“, so ein Helios-Sprecher. Ein weiterführendes Gespräch mit dem für die Helios-Hygiene zuständigen Geschäftsführer Ralf Kuhlen kam trotz telefonischer Zusage nicht zustande.

 Klinikalltag verheerend

Unhaltbare Zustände will das RTL-„Team Wallraff“ auch in München entdeckt haben. Dort arbeitete Pia Osterhaus als stationäre Pflegepraktikantin in einer chirurgischen Station des städtischen Klinikums Harlaching, das wegen finanzieller Probleme immer wieder Schlagzeilen macht. Als Folge sollen 1600 von 8000 Stellen wegfallen. Die Reporterin erlebte, wie bei einem jungen Lungenpatienten die Absaugpumpe, die das Wundwasser absaugen soll, nicht richtig lief. Das kann zu schweren Infektionen und Lungenschäden führen. Der Frust von Schwestern und Pflegern war groß. „Das ist wie Fließbandarbeit“, sagte eine Pflegerin. Eine andere klagte: „Wir sind überlastet. Es gibt Spannungen, jeden Moment kann es explodieren.“

Man nehme den Bericht „sehr ernst“ und werde Sachverhalten nachgehen, hieß es gestern dazu auf Anfrage dieser Zeitung. Insgesamt zeige der Film aber „keineswegs ein differenziertes Bild des Klinikalltags – und davon distanzieren wir uns ausdrücklich.“

 

Knatsch bei Helios Kliniken

Betriebsrat beklagt in einem Brief an die Bundesregierung den Umgang mit Mitarbeitern

Von Daniel Baumann, FR

Mit bitteren Briefen von der Belegschaft hat man bei den Helios Kliniken schon Erfahrung. In den vergangenen Jahren beklagten Betriebsräte und Belegschaften immer mal wieder den Umgang mit den Beschäftigten im größten deutschen Krankenhauskonzern. Nun folgt der nächste Brief. Doch der geht diesmal nicht an die Geschäftsführung, sondern direkt zu Händen der Bundesregierung, namentlich an Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Darin kritisiert der Konzernbetriebsrat der Helios Kliniken GmbH die Ausgliederung von Beschäftigten in konzerneigene Servicegesellschaften. Die Folgen seien niedrigere Löhne, eine Einschränkung der Mitbestimmung und kompliziertere Arbeitsabläufe.

Auslagern und zerstückeln

„Wir fordern Sie auf, diesen Missbrauch von Werkverträgen zu beseitigen“, schreibt Konzernbetriebsrat Rainer Stein an Minister Gröhe. Inzwischen werde circa ein Fünftel der Beschäftigten nicht mehr von den geltenden Tarifverträgen in den Kliniken erfasst. Manche Kolleginnen und Kollegen würden bis zu 40 Prozent schlechter bezahlt. Versuche der Gewerkschaft Verdi, für sie Tarifverträge zu erstreiten, seien in der Vergangenheit mit der Auflösung von Tochterfirmen beantwortet worden. „Es werden Tochterfirmen gegründet, gespalten und zusammengelegt, wie es gerade der gegenwärtigen Geschäftsführung genehm ist“, schreibt Stein. „Es gibt immer wieder Fälle, in denen Kolleginnen gar nicht wissen, wie ihr gegenwärtiger Arbeitgeber heißt.“

Seien zunächst vor allem Servicetätigkeiten ausgegliedert worden, wozu zum Beispiel Reinigung und Verpflegung gehören, würden nun zunehmend auch Therapeuten oder Pflegekräfte in Servicebereiche ausgelagert. „Das hat zur Folge, dass der Pflegeprozess nicht mehr ganz in der Hand einer Pflegefachkraft liegt.“

Inzwischen gibt es bei Helios nach Konzernangaben rund 300 Tochtergesellschaften, davon rund 30 ohne Betriebsrat, weil „die Anzahl der Beschäftigten die gesetzliche Mindestanzahl nicht erreicht oder die Mitarbeiter keine Betriebsräte gebildet haben“.

Auslagerung kein Einzelfall

Helios ist allerdings kein Spezialfall: Dass die Belegschaften von Krankenhäusern in einzelne Firmen mit bestimmten Spezialisierungen zerstückelt werden, ist in Deutschland inzwischen Normalität. Es gibt Töchter für Hausverwaltung, Krankentransporte, Gebäudereinigung, Labortätigkeiten, Sozialdienste, Physiotherapie, Gastronomie, Radiologie, Logistik oder technische Dienstleistungen. Für sie gelten in der Regel nicht mehr die Kliniktarifverträge, sondern die Regelungen anderer Branchen oder individueller Vereinbarungen.

Der Protest des Helios-Betriebsrats steht im Kontext der Bemühungen der Gewerkschaften, den Gesetzgeber zur Eindämmung von Werkverträgen zu bewegen. Die Gewerkschaften beklagen einen Missbrauch dieses Instruments zu Zwecken des Sozialdumpings.

 

 

 

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