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Politik und Gesellschaft

Eigennutz

Ökonomisierung des Sozialen

Wenn der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, weil nur noch der eigene Vorteil zählt, wenn der niedrige Preis geil ist und nicht mehr der Wert einer sozialen Dienstleistung, egal ob hauptamtlich oder ehrenamtlich, ist unser Gemeinwesen auf einer schiefen Ebene. Wollen wir das?

Der Mensch ist kein Renditefaktor, so überschreibt Friedhelm Hengsbach seine Rezension über das Buch von Ulrich Schneider in den NachDenkSeiten. Gemeint sind nicht die Hersteller von Produkten in der Privatwirtschaft, bei denen die Arbeitnehmer Kostenfaktor sind, gemeint sind z.B. Krankenhäuser, in denen vielfach unnötig operiert wird, um Einnahmen zu Lasten der Patienten und der Krankenkassen zu generieren.

 Nutzenkalkül

Der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hat sich mit einem Alarmruf in die Reihe jener Querdenker eingereiht, die seit kurzem gegen das von traditionellen Ökonomen konstruierte Modell des Menschen rebellieren, mit dem sie die real existierende Wirtschaft zu erklären suchen. Sie haben ein wohlinformiertes, rational kalkulierendes und ausschließlich auf den eigenen Nutzen ausgerichtetes Individuum entworfen, das von allen sozialen Bindungen, normativen Überzeugungen und Mitgefühl für anderen losgelöst ist, das mit anderen nur dann kooperiert, wenn es dem eigenen Vorteil dient. Wenn sie damit im Elfenbeinturm ihrer Wissenschaft bleiben würden, könnten sie keinen Schaden anrichten. Aber sie erheben den Anspruch, dass dieses Denkmuster wie eine fremde Besatzungsmacht alle sozialen Sphären beherrscht – die Gesundheits- und Pflegedienste, die Bildungs- und Sozialeinrichtungen sowie die öffentliche Verwaltung. Eine Rezension von Ulrich Schneiders Buch „Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen“. Von Friedhelm Hengsbach

Zuwendung unter Zeitdruck

Ulrich Schneider ist Insider. Er schildert die verheerenden Folgen der „Ökonomisierung“ in den Wohlfahrtseinrichtungen. Pflege im Minutentakt heißt: Große Wäsche 30 Minuten, Hilfe bei der Nahrungsaufnahme 15 Minuten, kleine Wäsche 15 Minuten, Kämmen am Morgen 2 Minuten. Der kranke, leidende, pflegebedürftige Mensch wird in Einzelteile zerlegt, die repariert und wieder funktionstüchtig werden sollen.

Wie konnte es dazu kommen? Was ist schief gelaufen? Eine einfache, aber unzureichende Antwort nennt Schneider mit der Umstellung des Abrechnungsverfahrens: Anstatt dass alle Kosten, die bei einer Behandlung anfallen, von den Kassen erstattet wurden, werden nun durch das System der Fallpauschalen einzelne Leistungen präzise definiert, mit Kennziffern versehen und in Geld- und Zeiteinheiten umgerechnet. Aber dies ist nur eine oberflächliche Erklärung.

Schneiders Widerstand richtet sich gegen den ökonomischen Imperialismus in gesellschaftlichen Bereichen, wo er nicht hingehört. In der Autoproduktion mag die Produktivitätsregel gelten, ein präzises Verhältnis von Arbeitskosten und einem in Geldeinheiten gemessenen Ergebnis, das in einem exakten Zeittakt erbracht wird. Aber wie soll dies in menschlichen Beziehungen des Dienstes am und mit dem Menschen gelingen? Dort spielt die persönliche Zuwendung die erstrangige Rolle. Dort geht es um das Mitwirken des Patienten, nicht eines souveränen Kunden. Und da geht es darum, ein selbstbestimmtes Leben auch mit Beeinträchtigungen wieder zu gewinnen, oder darum, dass ein junger Mensch aus einer tiefen Depression heraus begleitet wird, ohne Stoppuhr und Zielmarke am Monatsende. Industrielle Verfahren, betriebswirtschaftliche Logik und Marktsteuerung sind ein übergriffiger Fremdkörper in der Sphäre des Sozialen.

Wettbewerb statt Menschlichkeit

Die frei-gemeinnützigen Wohlfahrtsverbände waren einmal ein angesehener und bevorzugter Partner des Sozialstaats. Inzwischen werden sie – gleichgestellt mit privaten profitorientierten Anbietern – in einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb hineingetrieben. Der Staat übt auf sie einen massiven Druck aus, den sie, um zu überleben, auf Mitarbeiter und Patienten oder Klienten weiterwälzen. Ulrich Schneider nennt die Täter und Institutionen, die den Sozialstaat in einen Wettbewerbsstaat mutiert haben.

Welche Chancen gibt es für eine Kehrtwendung, aus der politischen Sackgasse herauszukommen? Eine qualifizierte Ausbildung und Professionalisierung der Mitarbeitenden, gesellschaftliche Aufwertung und ein Entgelt der Berufsgruppen, das dem in der Industrie angenähert ist. Und eine Rebellion gegen mechanische, technische Leistungsmythen, öffentliche Spardiktate und Schuldenbremsen, die das Mehr-Mensch-Sein blockieren.

„Ulrich Schneider – Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen“ ist im Westend Verlag erschienen und kostet 13,99 Euro.
ISBN 978-3-86489-079-6

Anmerkungen

Die Dienstleistungen im Krankenhaus, in der stationären und ambulante Pflege und in anderen sozialen Diensten wie z.B. in Kindergärten werden zu gering bewertet, weil sie nicht den gesellschaftlichen Stellenwert haben, der ihnen zukommt. Die Geringschätzung der sozialen Dienstleistungen wirkt sich nicht nur auf die Vergütung, sondern auch auf die Anzahl des Personals aus. Geringe Bezahlung und zu wenig Personal sind die Folge und führen dazu, dass die Zeit und zum Teil die Motivation fehlt, sich so zu kümmern, wie es erforderlich wäre. Das ist nicht die Schuld des Personals.

Stattdessen erhalten Unternehmen der Privatwirtschaft ungerechtfertigte Subventionen, sind Banken mit Milliardenbeträgen in unvorstellbarer Höhe gestützt worden; und mit dem Größenwahn mancher Landesregierung werden Milliarden verplempert.

Dieses Missverhältnis ist skandalös und nicht zu rechtfertigen.

Rolf Aschenbeck

 

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