Abgrenzung statt Solidarität

Die Website der UN wird weiter täglich aktualisiert – und sie hilft, einen derzeit weit verbreiteten Sehfehler zu korrigieren: Das Coronavirus ist nicht die einzige Krise in diesen Tagen und, was die unmittelbare Bedrohung für Menschen betrifft, bei Weitem nicht die schlimmste. Lesen Sie den  gekürzten und redaktionell geänderten Beitrag von Andrea Böhm, ZeitOnline entnommen.

Aufgrund seiner Dynamik gefährdet das Coronavirus das jetzt schon überstrapazierte internationale Netzwerk humanitärer Hilfe. Nicht nur wegen seiner Ansteckungswucht, sondern weil es nach China die Industrieländer erwischt hat. Diese Länder sind- noch- die traditionellen Geberländer für humanitäre Krisen. Diese Länder setzen jetzt Himmel, Hölle und Geldquellen in Bewegung, aber nicht, um anderen Ländern zuhelfen, sondern vor allem, um ihre eigenen Ökonomien vor dem Fallout der Pandemie zu schützen. Guterres ahnt, was da auf die ohnehin gebeutelte Weltorganisation zukommen könnte.  Es könnte weltweite Abgrenzung statt Solidarität sein.

Körperliche Distanz in überfüllten Slums?

Was die meisten Menschen im globalen Norden jetzt zum ersten Mal und in relativ milder Form erfahren, gehört für viele im globalen Süden zum Alltag: das Jonglieren multipler, existenzieller Krisen. Extreme soziale Gräben, massive Auswirkungen des Klimawandels, prekäre Jobs, rasante und planlose Urbanisierung, immer noch hohe Raten von Kindersterblichkeit und Mangelernährung, medizinische Versorgung als Luxusgut nur für die Reichen. Das ist in sehr groben Zügen die Ausgangslage in jenem Teil der Welt, der nun – nach China und dem globalen Norden – als nächstes eine massive Ausbreitung des Coronavirus erwartet.

All die Präventionsmaßnahmen, die uns inzwischen so vertraut sind, klingen dort oft absurd. Körperliche Distanz in einem Armenviertel in Manila, wo sechs oder acht Menschen in einem Raum leben? Ständiges Händewaschen in den Favelas von Rio, wo es kaum sauberes Wasser gibt? Drive-in-Corona-Tests in den Slums von Nairobi oder in den umkämpften Provinzen im Jemen?

Flüchtlinge

Noch etwas kommt hinzu: In 30 der bislang rund 100 von Corona betroffenen Ländern leben größere Flüchtlingsgruppen in Camps oder Elendsvierteln. Die meisten dieser Länder sind im globalen Süden. Im Flüchtlingscamp Kutupalong in Bangladesch drängen sich derzeit mehr als 900.000 Rohingya in Zelten und improvisierten Hütten auf engstem Raum.

Das kenianische Dadaab mit seinen drei Camps beherbergt rund 200.000 Somalis. Im Libanon (über)leben mehrere Hunderttausend Syrer in sogenannten informellen Siedlungen, Pakistan hat mehr als eine Million Afghanen aufgenommen. Flüchtlinge gehören zu den großen Überlebenskünstlern der Welt, aber das ändert nichts an ihrer „Vulnerabilität“, wie es im Fachjargon der Hilfsorganisationen heißt. Und die ist mit der Corona-Pandemie noch einmal exponentiell gestiegen.

Die Pandemie setzt die anderen Krisen nicht außer Kraft

Nicht, dass die klassischen Maßnahmen gar nichts nutzen würden. Ruanda hat Bushaltestellen mit tragbaren Waschbecken ausgestattet, Südafrika Versammlungen mit mehr als 100 Menschen verboten, in Dadaab wird zusätzlich Seife verteilt – alles in der Hoffnung, den Aufschlag des Virus in den ärmeren Ländern so lange wie möglich hinauszuzögern. Offiziell haben afrikanische Staaten bislang nur einige Hundert Infizierte registriert. Karl Blanchet, Direktor des Centre for Education and Research in Humanitarian Action (CERAH), glaubt, dass die wahre Zahl längst weit höher liegt. In Südafrika beginnt sich die Infektionsrate jetzt auch sichtbar zu beschleunigen.

„Priorität in diesen Ländern muss vor allem eines haben“, sagte Blanchet am vergangenen Donnerstag bei einer Videokonferenz mehrerer Hilfsorganisationen, „der Schutz der Gesundheitsarbeiter“. Gesichtsmasken, Handschuhe und Schutzanzüge für Ärztinnen, Pfleger und Sanitäterinnen, Desinfektionsmittel, Test-Kits. Nur: woher nehmen, wenn die wohlhabenderen Länder den Markt leergekauft haben?

Dauernotstand

Genau wie für die UN ist die Pandemie auch für internationale Nichtregierungsorganisationen (NGO) nicht einfach eine zusätzliche Krise, sondern eine, die sich über alle anderen stülpt. Somalia, das sich seit Jahrzehnten von einem Desaster zum anderen hangelt, bekämpft neben der islamistischen Al-Shabaab-Miliz akut eine Dürre und eine Heuschreckenplage. Das Land braucht Nahrungsmittelhilfe, Pestizide und Flugzeuge, die sie versprühen. Stattdessen müssen sich Helfer jetzt darum sorgen, so Suze van Meegen, Mitarbeiterin des Norwegian Refugee Council in Somalia, wie sie „humanitäre Ausnahmeregelungen für Einreiseverbote“ bekommen. Die meisten internationalen NGOs, die in Somalia tätig sind, haben ihre Helfer in Nairobi untergebracht. Aber Kenia hat seine Grenzen geschlossen für alle Ausländer aus Staaten, in denen Corona-Fälle dokumentiert sind.

Fortschritte bei der Krisenbewältigung

Länder des globalen Südens haben in den letzten Jahrzehnten deutliche Fortschritte bei der Bekämpfung von Armut und Epidemien erzielt, einige verfügen über gute Frühwarnsysteme. Viele afrikanische Staaten, geprägt durch die Ebola-Epidemie zwischen 2014 und 2016, hatten wegen Corona schon Gesundheitschecks an den Grenzen eingeführt, als man in Europa den Virus noch unterschätzte. Und in vielen Ländern konnte man in den vergangenen Jahren Erfolge im Kampf gegen die drei großen „Killer“ verzeichnen: Tuberkulose, Malaria und HIV-Aids. Dass die Ressourcen gegen diese Krankheiten jetzt im Schatten der Corona-Krise schrumpfen könnten, ist eine der großen Gefahren.

Zum Vergleich: Am Coronavirus sind weltweit bislang rund 11.000 Menschen gestorben. Die Zahl der Todesopfer bei Tuberkulose belief sich 2018 immer noch auf 1,3 Millionen. 770.000 Menschen starben im selben Jahr an HIV-Aids, durch Malaria kommen jährlich immer noch rund 400.000 Menschen ums Leben.

Globaler Notstand und die Ethik

Das Dilemma der Triage, bei der Ärzte im Fall von Massenkatastrophen nach medizinischen Gesichtspunkten aussortieren, also entscheiden, wen sie retten und wen nicht, ist auch in Europa virulent, z.B. in Italien und vielleicht bald auch in England. In vielen Ländern des  Südens ist diese Triage dagegen Alltag. Dramatisch unterfinanzierte Gesundheitsbudgets, rasante Privatisierung von Krankenhäusern, der Wegzug einheimischer Ärztinnen und Pfleger, die in Europa oder in reichen Golfstaaten arbeiten – all diese Faktoren entscheiden maßgeblich darüber, wer in Nigeria, auf den Philippinen oder in Simbabwe versorgt wird und wer nicht, wer am Leben bleibt und wer nicht.

Kredite reichen nicht

Weltbank und Internationaler Währungsfonds haben inzwischen mehrere Milliarden Dollar für die Corona-Krise bereitgestellt. Allerdings überwiegend in Form von Krediten, was die Verschuldung ärmerer Länder noch weiter in die Höhe treiben würde. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zusätzliche Gelder eingesammelt, darunter 50 Millionen Euro der Bundesregierung zur „kurzfristigen Stabilisierung der Lage in weniger entwickelten Ländern“. Kleine, wichtige Schritte – aber weit entfernt von einem globalen Rettungsschirm für die Pandemie.

Das Welternährungsprogramm (WFP) muss unterdessen irgendwie die Versorgung für 87 Millionen Bedürftige weltweit aufrechterhalten und überlegen, wie man Millionen Kinder zusätzlich versorgt, deren Schulen im Zuge der Pandemie geschlossen worden sind. In ärmeren Ländern sind Schulen oft der einzige Ort, an dem Kinder eine geregelte Mahlzeit bekommen.

Europa überlässt die Schwachen ihrem Schicksal

Der UNHCR hat derweil sein Programm zur Umsiedlung von Härtefällen aus Flüchtlingslagern aussetzen müssen; vor allem, weil die EU ihre Grenzen dichtgemacht haben. Stattdessen muss Notfallethik allgemein gültig sein und selbstverständlich praktiziert werden.

Der Begriff „Notfallethik“ stammt aus der Notfallmedizin.  Dazu gehört, Opfer halbwegs gerecht zu verteilen und, wo immer möglich, Behandlungsdefizite auszugleichen. Auf nationaler Ebene scheint das schon mehr oder weniger gut zu funktionieren. International, und das bezieht sich auch auf Europa, funktioniert die elementare Hilfe jedoch nicht.

Denn die Ausgegrenzten, die Eingesperrten, die Vertriebenen haben ohne Hilfe keine Möglichkeiten, mit der Krise fertig zu werden und werden noch stärker leiden als bisher. Dazu gehört auch, dass Menschen in Ländern mit schlechten Gesundheitssystemen schon jetzt häufiger sterben als die, die nicht in diesen Notsituationen sind.

Europa, sagt Anne Jung von medico international, brauche dafür gar nicht nach Kutupalong oder Dadaab schauen, sondern nur bis nach Griechenland auf die Insel Lesbos, wo im Flüchtlingslager Moria mehr als 20.000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen festgehalten werden. Der Ausbruch von Corona ist dort nur eine Frage der Zeit. Das Camp muss dringend evakuiert werden. Jung ist nicht sehr zuversichtlich, dass Europas Notfallethik so weit reichen wird.

2020 werde wohl nicht nur als das Jahr des Coronavirus in die Geschichte eingehen, sondern auch als das Jahr, in dem Europa die Schwächsten der Schwachen auf seinem Boden mitten in einer Pandemie abgeriegelt und ihrem Schicksal überlassen hat. Was das bedeutet, weiß jeder, der es wissen will.

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